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Themis
Es hieß, dass es im Leben eines Raumnomaden nur zwei große Lieben gab: Das Weltall. Und das eigene Schiff.
In den 26 Jahren seines Lebens hatte sich Themis Leander, der Piratenkönig, nie wirklich für die tödliche Leere zwischen den Sternen begeistern können. Es war einfacher jemanden zu lieben, der einen nicht töten wollte. Jemanden wie Delfy, die Prinzessin des Valueen-Königreiches, die jetzt hinter ihm im Cockpit saß und die gleiche Luft atmete wie er. Aber nicht einmal Delfy würde ihm jemals so viel bedeuten, wie die Arcadia.
Das Flaggschiff seiner Flotte schwebte über der kleinen Stargazer wie ein majestätischer Raubvogel. Die vier Flügeldecks waren in einem X angeordnet und griffen wie eine riesige Hand nach den Sternen vor der Arcadia. Zwischen den vier Fingern schimmerte ein keilförmiger Rumpf im Dunkelrot der Vermillion-Piraten.
Themis steuerte den Shen-Jäger an den Brückenaufbauten der Stargazer vorbei und hielt dann auf den Hangar seines eigenen Schiffes zu.
Die Arcadia war alt. Je näher sie kamen, desto mehr der Verbrennungen und Löcher waren entlang des Rumpfes zu erkennen. Unter Themis' Crew gingen die Gerüchte um, dass die Arcadia unter der Roten Königin im Schattenkrieg geflogen war – vor 87 Jahren.
Ein seltsames Gefühl, fand Themis, wenn das einzige Zuhause, das man je gekannt hatte, einmal in einen Krieg gezogen war. Gewöhn' dich an den Gedanken, sagte eine dunkle Stimme in seinem Hinterkopf, aber er brachte sie zum Schweigen. Es würde keinen Krieg geben. Die Revolution kam ohne Blutvergießen – oder gar nicht.
Sie passierten das Stasisfeld und tauchten senkrecht im Hangar auf.
»Also«, sagte Themis, als er den Shen-Jäger gelandet hatte. Es war Zeit, sich selbst und Delfy auf bessere Gedanken zu bringen. »All die Reichtümer des Valueen Königreichs… Aber du kommst hier mit leerem Frachtraum an?«
»Sieht so aus«, gab Delfy zurück.
»Und mich nennen sie Pirat.«
Delfy lachte.
Themis mochte sich, wenn er witzig war. Es war fast ein Jahr her, dass er Delfy das letzte Mal gesehen hatte, und er wollte einen besseren Eindruck machen als damals. Bisher lief es gut. Delfy hatte sogar zugelassen, dass er den Jäger flog, obwohl sie die bessere Pilotin war.
Du kannst bei uns leben, dachte er und schaltete die Motoren aus. Dein Vater ist nicht der einzige, der dir ein Königreich bieten kann.
Er fuhr die Kuppel hoch und schwang sich aus dem Cockpit heraus auf den linken der vorderen Flügel, und dann auf den Boden des Hangars. Noch bevor er entschieden hatte, ob Delfy Hilfe beim Aussteigen erwartete, sprang sie aus ihrem Sitz und landete federnd neben ihm.
»Ich komme schon zurecht«, sagte sie und klopfte ihm auf die Schulter, ehe sie ihre Aufmerksamkeit dem riesigen Hangar schenkte. »Nett habt ihr's hier.«
Delfy wirkte immer so sicher. Sie wusste genau, was sie tun musste, wie sie sich bewegen musste, welche Entscheidungen richtig waren… War das alles die Macht? Oder ihr Training als Gardistin?
Er schloss zu ihr auf. »Warst du damals nie im Hangar?«
»Doch, doch«, sie sah ihn nur flüchtig an, ehe sie wieder zu den Reihen von Jägern blickte. »Aber da war der Hangar fast leer.«
»Ah«, machte Themis. Natürlich hatte er das gewusst und natürlich hatte er den Hangar füllen lassen, um Eindruck zu machen. Nur ein Drittel der gut zweihundert Stellplätze waren besetzt, trotzdem waren hier noch immer weitaus mehr Jagdmaschinen als Themis Piloten hatte.
Er hoffte, dass Delfy ihn nicht durchschaute. Konnte sie Gedanken lesen? »Nein«, hatte sie gesagt. »Aber manchmal erahne ich Gefühle.« Er verzog das Gesicht. Auch nicht besser.
»Lord Janus war auf dem Schiff«, sagte sie plötzlich.
Themis brauchte einen Moment, bis er den Satz wirklich verstanden hatte. Janus war auf der Stargazer gewesen? Der Oberste Lord persönlich?
»Du warst etwas zu langsam«, fügte Delfy hinzu. »Er kam kurz vor dir hier an.«
War die Kritik ernst gemeint?
»Schon gut, mein Fehler«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken tatsächlich erraten. »Er ließ sich nicht abwimmeln.«
Sie verließen den Hangar und bogen in den Hauptkorridor des Decks ein.
Themis suchte zusammen, was er über Janus wusste. Es gefiel ihm ganz und gar nicht. »Janus ist schlau«, sagte er. »Siena Kali und ihre Leute werden uns die Entführungsshow vielleicht abkaufen. Aber Lord Janus... Was hast du ihm erzählt, als ihr losgeflogen seid?«
Delfy zuckte mit den Schultern. »Die halbe Wahrheit. Dass ich den Piratenkönig finden will und mich entführen lasse. Er hat's mir abgekauft, denke ich. Wahrscheinlich glaubt Janus, ich will mich an Euch rächen. Für damals.«
»Ich wusste der Tag würde kommen, ja.« Gute Antwort.
Delfy grinste.
Vielleicht konnte er die ganze Sache jetzt ansprechen? Einen Versuch war's wert.
»Dein Vater wird bald Verdacht schöpfen«, begann er vorsichtig. »Und wenn nicht er, dann Janus. Was willst du jetzt tun? Ich meine… Nach Hause fliegen und allen erzählen, dass du uns zum zweiten Mal entkommen bist?«
»Natürlich. Was anderes bleibt mir kaum übrig.«
»Wir könnten dich aufnehmen. Meine Crew vertraut dir. Und die Captains der anderen Schiffe vertrauen mir.« Komm schon, Delfy…
»Wenn ich gehe... Dann gibt es niemanden mehr, der meinen Vater in Frage stellt.«
»Mag sein, ja. Aber ihn in Frage zu stellen, ist vielleicht nicht mehr genug. Vielleicht wird es Zeit, dass ihn jemand offen herausfordert. Und das kannst du nur mit uns.« Sie erreichten den Turbolift und er ließ Delfy den Vortritt.
»Ich bin noch nicht soweit. Und ihr seid das auch nicht.« Sie lehnte sich an die gegenüberliegende Wand und sah umwerfend aus. »Aber es gibt noch einen anderen Weg.«
Themis starrte sie an, während er mit der linken Hand versuchte, die Kontrollen zu bedienen, ohne wirklich hinzusehen. Der Lift fuhr los. Er war nicht sicher, wohin, ließ sich das aber nicht anmerken. Stattdessen bemühte er sich um ein wissendes »Natürlich. Ja.«
»Wenn wir die Cloudrun finden«, sagte Delfy, »und wenn dieses Schiff wirklich einen Antrieb hat, der… Der uns nach draußen bringen kann. Dann ist mein Vater nur noch ein kleiner Fisch im großen Teich. Vielleicht muss er sich dann vor anderen Regierungen verantworten. Im schlechtesten Fall verlassen wir den Kern eben; mit der Cloudrun hätte jeder, der will, die Chance.«
Nein, dachte Themis. Im schlechtesten Fall ist der große Teich voller Haie. Aber das sagte er nicht, denn was er wirklich sagen wollte, würde ihm jede Menge Punkte bei Delfy einbringen.
»So oder so«, verkündete er, »hab' ich gute Nachrichten. Wir haben die Cloudrun gefunden. Und wir springen gleich hin.«
Delfys Augen wurden groß.
Themis grinste. Ein Millionentreffer.
»Das ist nicht dein Ernst...«
Keine Umarmung?
»Themis, du hast sie wirklich gefunden? Wo? Und wie?«
In diesem Moment kam der Turbolift zum Stehen. Die beiden Türen schwangen auf und dahinter lag die rechte der beiden Zwillingsbrücken.
»Nach dir, Prinzessin.«
Delfy nickte gedankenverloren. »Die Cloudrun… Wir fliegen zur Cloudrun, das ist...«
»Piratenstark?« Er folgte ihr aus dem Lift. Seine Schritte fühlte sich federnd an.
»Piratensta...« Delfy warf ihm einen augenrollenden Blick über die Schulter zu. »Von mir aus, ja. Piratenstark.« Lachend sah sie wieder nach vorne.
Die Brücke war leer bis auf zwei Crewmitglieder, die an einer der Konsolen arbeiteten. Als sie Themis sahen, nickten sie knapp, vielleicht etwas zu knapp, als das Delfy es hätte bemerken können. Themis hatte natürlich überlegt, die Brücke bis an den Rand mit Leuten zu besetzen, aber L1 hätte sie fortgescheucht. Bei aller Geselligkeit mochte One es nicht, wenn man an den Brückenkonsolen arbeitete.
»Prinzessin Delfy«, erklang Ones künstliche Stimme aus den Lautsprechern. »Die Galaxis ist klein.«
»Sehr komisch.«
Sie passierten den Eingangsbereich der zweiten Brückenebene und der riesige holografische Kopf von L1-E12 blickte von oben auf sie herab.
Es war etwas schwer, zu erklären, was One war. Er hatte wohl begonnen als ein L1-Droide, ein fliegender Kurier, wie sie auf den Hauptwelten des Valueen-Königreichs in Massen eingesetzt wurden. Aber das alles war Vermutung, denn One selbst sprach nicht darüber, ebenso wenig wie er über seine Zeit auf dem Azuramond sprach.
Themis trat an das zentrale Schaltpult, vor das Holobild. »Sind wir sprungbereit?«
»Die Splitterwelten liegen an einem Sprungpunkt der Metellos-Handelsroute«, erklärte One. »Ich vermute, sie reicht noch immer bis ins Koornacht-Cluster.«
»Du vermutest?« Das war nicht, was Themis sich erhofft hatte. »Wie stehen denn die Chancen?«
»Schrecklich. Aber ich habe begonnen, den Glücksfaktor einzuberechnen. Das erspart mir negative Zahlen und hebt die Stimmung.«
Bis jetzt war alles so nach Plan verlaufen. Aber er hatte sich darauf verlassen, dass One einen sicheren Weg zum Ziel finden würde. Mist. »Was wenn diese Route eine Todesfalle ist? Genau wie fast jede andere?«
»Ist sie nicht.« Ones holografischer Kopf versuchte sich an einem beiläufigen Grinsen. »Hand drauf.«
Delfy trat neben Themis. »Wenn wir an Bord der Cloudrun wollen«, drängte sie, »dann müssen wir dort sein, ehe sie wieder springt. Wir bekommen nicht nochmal eine solche Chance.«
Sie hatte Recht. Und wenn er noch länger zögerte, stand er als Feigling da. »Okay«, erklärte er. »Sind wir schon soweit?«
One nickte. »Sag was Schmissiges.«
»Energie.«
»Catchy.« Ones Stimme ging unter im Pfeifen des erwachenden Hyperantriebs. Die Brücke wurde von Licht geflutet, kurz bevor sich sich die Fenster auf allen drei Ebenen versiegelten.
Es gab einen kräftigen Ruck und sie waren unterwegs.
»Gut«, sagte Delfy und trat von der Konsole zurück. »Ist mein Quartier von damals noch an seinem Platz?«
Die Frage traf Themis unvorbereitet. »Ah… Ja. Bestimmt.«
Delfy bedachte ihn mit einem schiefen Grinsen, dann wandte sie sich zum Gehen. »Sagt mir Bescheid zum Abendessen. Und sag deinem Koch, ich will beeindruckt werden.« Die Tür schloss sich hinter ihr.
One legte seine digitale Stirn in Falten. »Ich glaube, du hast mich deinem Koch noch nicht vorgestellt, Captain.«
Themis war in Gedanken noch immer bei Delfy. Warum war sie schon gegangen? War er dermaßen langweilig?
»Du weißt genau, dass es keinen Koch gibt«, murmelte er und lehnte sich gegen das rechte Zentralpult. »Sag Raleigh und seinen Leuten, dass der Maschinenraum bis morgen warten muss.«
»Auch dass Delfy beeindruckt werden will?«
»Nein. Aber sie sollen sich die Hände waschen.«
»Die Prinzessin wird Augen machen.«
Nun musste Themis doch grinsen. One konnte anstrengend sein, aber er hatte Humor und vielleicht war der Droide sein einziger Freund auf dem gesamten Schiff.
Themis war der Captain und sie akzeptierten ihn, aber wenn er etwas befahl, dann gehorchten sie nicht ihm – sie gehorchten seinem Vater. Als würde dessen Geist über Themis schweben und jeden so lange mit strengem Blick anstarren, bis dieser tat, was der Sohn des legendären Avary Leander wollte. Themis machte sich keine Illusionen darüber, dass die Captains der anderen Schiffe allein deshalb noch nicht die Macht übernommen hatten, weil ein Befehl seines Vaters bis in alle Ewigkeit galt.
Ich bin ein toller Piratenkönig, dachte Themis frustriert und beschloss, sich ebenfalls in sein Quartier zu verziehen.
Erst als er allein war, merkte er, wie sehr ihn das alles aufgewühlt hatte. Er hatte sich lebendig gefühlt, den ganzen Tag über, vom Tarnflug ins System hinein, über den für Siena Kali gespielten Angriff auf Delfys Stargazer, bis hin zu der Tatsache, dass er nun zur Cloudrun flog – zusammen mit Delfy.
Themis ließ sich auf das Bett sinken.
Wie in den alten Holo-Märchen, dachte er. Der Held und seine Prinzessin finden das Schiff, das der Galaxis die Freiheit wiedergibt. Die Cloudrun…
Themis stand wieder auf. Er konnte jetzt unmöglich sitzen, nicht inmitten eines solchen Abenteuers.
»Cloudrun...«, wiederholte er leise, und zum hundertsten Mal überlegte er, welche Geheimnisse in diesem Schiff warten würden. One und er hatten sämtliche Datenbanken der Flotte abgesucht, aber sie hatten dort nicht einmal das wenige wiedergefunden, das sie auch von Delfy erfahren hatten.
Ein Donnergrollen war in der Ferne zu hören und das Zimmer erzitterte kurz.
Themis erinnerte sich noch lebhaft, wie sehr er sich als Kind vor dem Hyperraum gefürchtet hatte. Und dabei waren die Flüge von damals noch überaus gemütlich – verglichen mit dem jedenfalls, was einem Reisenden abseits der Königsstraße inzwischen passieren konnte.
Er vertrieb den Gedanken daran. Es gab Wichtigeres zu tun. Themis gab sich einen Ruck und setzte sich vor den Stapel mit Datapads der Flottencaptains. Was hatte er Delfy gesagt? Die Captains der anderen Schiffe vertrauten ihm? Er wünschte, es gäbe auch nur einen, der das tat. Mit einem Seufzen machte er sich daran, die Berichte zu lesen, um zumindest nicht ganz so ahnungslos dazustehen, wenn er das nächste Mal einem von ihnen persönlich begegnete.
Drei Stunden später war er auf dem Weg zu dem, was Delfy Abendessen nannte. Es war nicht zu übersehen, dass sie auf Planeten aufgewachsen war und die Valueen-Schiffe sich an Uhrzeiten klammerten. Themis dagegen hatte keine Vorstellung davon, wie sich ein planetarer Standarttag anfühlte.
Sie aßen auf der Brücke, er und Delfy, und auch One projizierte ein kleines Hologramm zu ihnen. Das alles war ein wenig rustikaler, als eine Prinzessin es verdient hatte, aber Delfy schien sich nicht daran zu stören, eine abgeschaltete Konsole als Tisch zu benutzen. »Ich hätte auch gern mit der Mannschaft gegessen«, fügte sie nach einer Weile hinzu. Themis lächelte unbehaglich und dachte bei sich: Nein. Hättest du nicht. Dein Vater hat die Hälfte ihrer Familien getötet.
Keine Frage, Delfy hatte durchaus Bewunderer auf dem Schiff. Themis hatte nicht ganz gelogen, als er ihr erzählt hatte, dass einige ihr vertrauen würden: Als Delfy mit 17 das erste Mal auf der Arcadia gewesen war, vor neun Jahren, hatte sie keine Schwierigkeiten gehabt, sich Respekt zu verschaffen. Aber die Meinungen waren noch immer geteilt darüber, ob die 'mutige kleine Prinzessin' nun die größte Gegnerin ihres Vaters war – oder die einzige, die ihm jemals gleichkommen konnte.
»Sie hat beim Zwischenfall genau so viel verloren wie wir«, hatte Raleigh einmal gesagt. »Habt ihr sie irgendwann mal weinen sehen? Ich nicht. Delfy ist mindestens so stark wie wir.«
Die meisten Crewmitglieder hatten geschwiegen, nur der alte Jojen hatte den Kopf geschüttelt. »Sie ist nicht stark«, hatte er gesagt, »Sie ist zerbrochen. Ich traue niemandem, der nicht weint, wenn er seine halbe Familie verliert.«
»Woran denkst du?«, fragte Delfy plötzlich.
Themis blinzelte. Er musste ein schrecklich dummes Gesicht gemacht haben. »Nichts«, sagte er schnell, »Königskram.«
»Wenn ich etwas fragen dürfte«, begann One nach einer Weile unbehaglichen Schweigens. »Was wissen wir über die Cloudrun?«
Delfy schluckte den Bissen herunter und sah Themis überrascht an. »Du hast es ihm nicht erzählt?«
Themis zögerte mit der Antwort. »Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst nicht wirklich… Viel. Über das Ganze.«
Delfy rollte mit den Augen. »Ich jage seit Jahren nach jedem Puzzleteil, das ich bekommen kann… Und ihr findet das Schiff, ohne zu wissen, was es ist.«
»Ich weiß, dass es nach draußen springen kann«, sagte Themis kleinlaut.
»Okay.« Delfy schob ihren geleerten Teller von sich weg. »Die Cloudrun ist eine Nomadin. Sie fliegt von Welt zu Welt. Manchmal gibt es keine Sichtungen für ein paar Jahrhunderte, aber irgendwann taucht sie immer wieder auf. Seit…« Delfy zuckte mit den Schultern. »Zwanzig? Dreißigtausend Jahren?«
Das war neu. »Bei den Säulen«, murmelte Themis und fuhr sich über den spärlichen Kinnbart. Ans Essen war nun nicht mehr zu denken. »Dieses Schiff ist älter als… Alles?«
»Naja. Soweit die Vermutungen«, räumte Delfy ein. »Seht ihr, diese Aufzeichnungen… Das sind keine wissenschaftlichen Beobachtungen. In der Hälfte der Fälle hielten irgendwelche Stammesvölker die Cloudrun für einen Gott. Oder es könnte ein anderes Schiff gemeint sein und… Ich meine, nicht jedes Volk in der Galaxis misst die Zeit in Standartstunden und Standartjahren. All diese Dinge spielen da mit rein.«
»Klar«, meinte One. »Aber angenommen, sie ist so alt. Warum glaubt Ihr dann, dass sie einen leistungsfähigen Hyperantrieb hat?«
Delfys Miene veränderte sich kaum, aber Themis konnte sehen, dass ihr Ones Zweifel nicht gefielen. Sie hatte sich in diese ganze Geschichte verbissen. Und wenn Delfy einmal mit etwas begonnen hatte…
»In einem der Berichte«, entgegnete Delfy, »springt die Cloudrun aus der Atmosphäre eines Planeten heraus. Und wir wissen alle, dass das völlig jenseits von dem ist, was unsere Antriebe können.«
Themis war ein wenig enttäuscht. Sicher, ein solcher Sprung war beeindruckend, aber noch lange kein Beweis, dass die Cloudrun auch die Todesrouten überwinden konnte. Trotzdem schluckte er seine Zweifel herunter, denn es hatte keinen Zweck Delfy zu reizen. Wenn sie die Cloudrun wirklich erreichten, würden sie ja sehen, was das Schiff konnte.
Damit blieb nur noch eine letzte große Frage.
»Und wer… Ist an Bord?«
Delfy sah ihn mit ausdruckslosem Gesicht an. »Niemand, denke ich. Eine automatische Programmierung: Ein Planet nach dem anderen, Fokus auf bewohnte Welten… In keinem der Berichte wird eine Crew erwähnt, sie hat nie auf Rufe geantwortet, ist nie gelandet… Ganz davon abgesehen, dass keine Spezies derart alt wird. Nicht einmal Meister Janus wird die Tausend erreichen.« Für einen Sekundenbruchteil trat ein seltsamer Ausdruck in ihre Augen, doch ehe Themis ihn wirklich deuten konnte, war der Moment vorüber.
Keine Crew, also. Er runzelte die Stirn. Wie sollte er das jetzt sagen?
»Ein Geisterschiff«, wiederholte Delfy und schaute unsicher von einem zum anderen.
One ließ schließlich ein elektronisches Räuspern hören, das verdächtig nach einem Ionensturm klang. »Themis? Was hast du ihr erzählt?«
Themis lächelte verlegen. »Ich… Okay, ich sagte, wir hätten die Cloudrun gefunden. Das ist so nicht ganz richtig.«
Delfy öffnete den Mund. »Bitte?«
»Sie hat uns Koordinaten geschickt.«
Schweigen.
»Durch den Hyperraum?«, fragte Delfy leise.
»Ja.«
»Kein Sender kann das. Seit dem Krieg nicht mehr.«
»Ich weiß.«
»Und nur die Koordinaten?«
»Ja. Die, zu denen wir fliegen.«
Plötzlich fragte sich Themis, ob das Ganze eine gute Idee war. Noch vor ein paar Stunden war er begeistert von der Vorstellung gewesen, das Schiff könnte sie nach draußen bringen – oder die Besatzung könnte ihnen zeigen, wie sich der Hyperantrieb aufrüsten ließ. Aber mittlerweise erkannte er, wie seltsam es war, dass sie nichts als Zahlen erhalten hatten. Von einem Geisterschiff, einer Raumnomadin, die von Welt zu Welt reiste und niemals antwortete…
Er wünschte, er hätte die Flotte zusammengerufen. Er hätte eine größere Versammlung zwar erst durchprügeln müssen, denn die Schiffscaptains waren vorsichtig geworden. Aber er war nicht sicher, ob er allein mit der Arcadia einem lebenden Geisterschiff gegenüber treten wollte.
Ein Ruck ging durch die Brücke.
»Entschuldigt mich«, sagte One beiläufig und das Holobild verschwand. Aus den Lautsprechern ergänzte er: »Der Hyperraum verlangt gerade nach Aufmerksamkeit.«
Themis nickte. Früher hatte es ihn gewundert, dass One Schwierigkeiten hatte, gleichzeitig durch den Hyperraum zu steuern und mit jemandem zu sprechen. Er verstand, dass die Hyperreisen schwierig waren. Aber erst langsam hatte er begriffen, dass Konversation für einen Droiden vielleicht nicht weniger einfach war, wenn niemand ihn darauf programmiert hatte. Vielleicht ging es One mit jedem Menschen so, wie es Themis mit Delfy ging...
Er bemerkte, das Delfy auf die digitale Zeitanzeige starrte, die in eine der Konsolen integriert war. Sie sagte kein Wort, aber ihre Fäuste waren geballt.
»Was…?«, entfuhr es Themis.
Sie sah ihn nicht an. »Janus ist hier.«
»Das ist nicht dein Ernst.« Bitte nicht. Nicht auch das noch, bei allem, was ihnen bereits bevorstand…
»Er ist hier«, wiederholte Delfy. »Irgendwo hier an Bord.«
Konnte sie ihn spüren? In der Macht? »Warum… Warum denkst du das?«
»Weil er immer noch lebt.« Sie mied weiter seinen Blick. »Die Stargazer hatte ein Holocron an Bord, das die Selbstzerstörung des Schiffes triggert. Zeitzünder. Janus müsste inzwischen tot sein.«
Themis schloss die Augen. Er fühlte sich, als wäre er in einen Meteoritenhagel geraten. Die Cloudrun war ein unberechenbares Rätsel, Janus war an Bord der Arcadia und Delfy hatte was getan?
»Ich wüsste, wenn er tot wäre«, sagte Delfy und stand auf. »Lass die Arcadia durchsuchen. Vielleicht ist er an Bord gekommen.«
»Du hast... Du hast dein Schiff gesprengt? Delfy, warum?«
»Weil Janus gefährlich ist. Und weil Siena Kali glauben soll, dass ihr noch gefährlicher seid.«
Themis blinzelte heftig, wandte sich ab und schaute hilfesuchend zu One, aber der Droide war noch immer fort. »Wir sind keine Killer!«, schoss er zurück und konnte nicht glauben, wie er mit Delfy sprach. »Wir jagen keine bemannten Schiffe in die Luft!«
»Dein Vater schon.«
»Ja! Und sieh dir an, wohin…« Er brach ab. »Wohin es ihn gebracht hat«, fügte er leise hinzu.
»Janus ist auf diesem Schiff. Ich bin mir jetzt sicher.«
Reiß dich zusammen, Themis. Du kannst das. Das wird schon alles werden. »Ich schicke Suchtrupps los. Laser auf Betäubung.«
Delfy nickte kühl, dann verließ die sie Steuerplattform und ging zurück zum Turbolift. Sie würde ihn jagen, ihren Meister. Mit der gleichen Verbissenheit, mit der sie die Cloudrun jagte.
»Ich bin nicht mein Vater«, sagte Themis leise, aber da hatten sich die Türen des Liftes schon geschlossen.
Themis drückte auf den Knopf des schiffsinternen Komkanals. »An alle«, sagte er laut. »Hier spricht der Captain. Wir haben einen Code 16. Wiederhole, 16.«
Er schaltete ab.
Nummer 16, der 'Eindringlingsalarm' war ein wenig allgemeiner als 'Der Oberste Lord hat sich an Bord geschlichen', aber falls Delfy sich irrte, dann würde Themis nicht noch lächerlicher aussehen, als er es in den Augen einiger bereits tat. Allerdings dämmerte ihm nun, dass er neben seiner Crew auch Janus gerade gewarnt hatte. Fierfek, daran hatte er in der Eile nicht gedacht. Andererseits: Gab es einen Weg, jeden einzelnen zu warnen, ohne den offenen Kanal zu verwenden? Nein, den gab es nicht.
»One?«
Keine Antwort.
Mist. Themis überkam ein Schaudern und er sah sich hastig um. Delfy irrte sich nicht, wusste er plötzlich. Sie hatte sich noch nie geirrt. Und das bedeutete, dass der Schattenlord auf seinem Schiff war.
Themis stellte fest, dass er zitterte. In all der Zeit, die sie unter dem Radar geflogen waren, die man sie verfolgt hatte… Das alles war hinter den Schilden der Arcadia passiert. Draußen. Weit weg. Aber jetzt war der gefährlichste Lord nach Siena Kali in Themis Zuhause. Janus lief über die Decks, auf denen Themis als Kind gespielt hatte, berührte mit seinen toten Händen die Kontrollpads, atmete die gleiche Luft, die auch Avary Leander geatmet hatte…
»One!«
Diesmal erschien der Droide, aber das Holobild war statisch und verzerrt. Der Hyperraum war schlimmer als jeder Virus.
»One, ich brauche einen Scan der Decks. Auf Wärmesignaturen.«
Ones Abbild verschwand wieder. »Rauschen«, kam es aus einem der Lautsprecher. »Rauschen. Allen Sensoren. Leid.«
Themis atmete tief durch. One hatte Hyperraum-Kopfschmerzen und brauchte alle Ressourcen, um das Schiff zu fliegen. Delfy hatte ihn zurückgelassen und war plötzlich wieder eine gefühlskalte Gardistin. Was tat er jetzt? Warten?
Halt. Oh, Dreck.
Wie sicher, dachte er plötzlich, war es eigentlich, dass Delfy auf seiner Seite stand? Sie war allein losgelaufen, um Janus zu finden, und ja, angeblich hatte sie ihr Schiff gesprengt, um ihn loszuwerden. Aber war das ein Fakt? Was, wenn sie es war, die Janus an Bord gebracht hatte und das Ganze nur ein Trick war, um die Vermillion-Flotte zu unterwandern?
Nein. Nein, nicht Delfy. Delfy würde ihn niemals verraten.
Wieder sah er sich um.
Er war allein auf einer dunklen Brücke. Hinter versiegelten Fenstern loderte der Hyperraum, aber kein Lichtstrahl drang von draußen herein. Selbst von hier, von der zentralen Plattform, konnte er nicht alle Türen sehen, die es auf den drei Ebenen gab. Konnte man sie eigentlich verschließen? Vom Steuerpult aus? Sein Vater hatte so etwas mal getan. Es musste hier irgendwo…
Da ist es. Themis legte einige Schalter um und hörte, wie sich die Drucktüren nacheinander mit einem Zischen verriegelten. Und jetzt?
Eine leichte Erschütterung ging durch das Schiff. Der Hyperraumtunnel schien schlimmer zu werden. Mit einem Mal fielen auch die restlichen Lichter aus und nur die Schaltpulte glühten noch im Dunkeln.
Fierfek, dachte Themis und drückte sich unwillkürlich mit dem Rücken gegen das Pult. Fierfek, Fierfek, Fierfek.
Ein Piepton erklang. Jemand versuchte die Brücke zu kontaktieren. Vielleicht Delfy. Vielleicht hatte sie Janus gefunden und entwaffnet.
Themis drückte auf den Knopf.
Zuerst kam nur Rauschen. Dann sagte eine tonlose Stimme: »Captain Leander? Wir haben uns einander noch nicht vorgestellt. Ich bin Lord Janus.«
Nein. Themis schloss die Augen.
»Ich weiß, Sie sind besorgt. Ich spüre das. Ich stehe vor der Tür, müssen Sie wissen.«
»Was wollen Sie!«, schoss Themis zurück, ohne nachzudenken.
»Ich«, flüsterte Janus, »möchte diese hässliche Sache beenden, ehe noch Blut vergossen wird.«
Themis antwortete nicht.
»Leander, Sie sind kein Krieger. Kein… Piratenkönig. Sie sind der Sohn von jemandem, der zu weit gegangen ist, und Sie sind besser als er.« Janus machte eine Pause. »Die Waffen Ihrer Crew stehen auf Betäubung und ich habe niemanden hier ernsthaft verletzt. Wir stehen nicht im Krieg. Die Vermillion-Flotte wird gesucht, aber sie wird nicht gejagt. Sie sind kein Feind des Königreichs, Sie sind nicht Ihr Vater. Einige aus Ihrer Crew werden sich verantworten müssen, für damals, für den Zwischenfall, aber Sie nicht. Sie waren fast noch ein Kind.«
Das Licht, dachte Themis. Wenn nur das Licht wieder anginge.
»Wir beide sind Männer der Ehre, Leander, Männer aus einer zivilisierteren Zeit... Wir haben heute niemanden getötet und werden es auch morgen nicht tun.«
Schweigen.
»Sagen Sie, Leander… Hat Delfy Ihnen erzählt, was sie mit der Stargazer getan hat?«
Sie hat sie gesprengt. Aber warum die Frage? Was versuchte Janus? Wollt er ihn ablenken, um einen Weg ins Innere der Brücke zu suchen?
»Delfy wollte mich töten, Leander. Delfy ist anders als wir, das wissen Sie. Ich dachte einmal, ich könnte Delfy ausbilden. Ich dachte, ich könnte sie zu einer Anführerin und einer Königin machen. Sie dachten, Sie könnten aus Delfy eine Idealistin machen. Jemanden wie Sie selbst.«
Delfy! Wo war sie? Warum brachte sie ihn nicht zum Schweigen? Wo waren die Suchtrupps?
»Und«, fuhr Janus fort, »wir haben ganze Arbeit geleistet. Delfy ist alles geworden, was wir wollten. Aber dann wurde sie noch viel mehr. Und jetzt gibt es nichts, was sie nicht tun würde. Nichts, zu dem sie nicht fähig wäre.«
Themis starrte in die Dunkelheit. Hinter welcher Tür stand dieser Irre? Was, wenn er hereinkam?
»Wir können das hier beenden«, flüsterte Janus. »Bevor Delfy uns alle in einen Krieg stürzt. Vertrauen Sie mir.«
»Nein. Nein, ganz bestimmt nicht.«
»Delfy ist auf dem Weg und wenn Sie hier ist, wird Sie mich töten. Sie wissen das. Sie müssen die Tür öffnen.«
»Nein.« Janus hatte Recht, Delfy würde ihn töten, aber wenn Themis die Tür öffnete, dann…
»Jetzt, wo ich von Delfys Verrat weiß«, Janus Stimme war lauter geworden und fast schon panisch, »wird sie niemals erlauben, dass ich das hier überlebe. Lassen Sie mich rein. Nennen Sie mir den Preis, was immer sie wollen. Ihren Vater? Wollen Sie ihren Vater?«
»Mein Vater ist tot! Weil Sie ihn umgebracht haben!«
»Nein. Nein, das ist er nicht. Avary wurde verurteilt und ich weiß, was wir damals verbreiten mussten, aber… Tot ist er nicht. Wir dachten, er wäre der letzte, der die Schlüssel zur Vermillion-Flotte hat. Wir wussten nichts von Ihnen, verstehen Sie?«
Themis konnte nicht klar denken. Dad sollte am Leben sein? Nach all den Jahren? Er brauchte Zeit. Er brauchte Zeit zum Nachdenken! Wie bei allen Säulen sollte er wissen, wem er noch vertrauen konnte?
Mit einem Knall verließ die Arcadia den Hyperraum. Die Brücke wurde mit blauem Licht geflutet. One war endlich zurück und sein holografischer Kopf schwebte über dem Kontrollpult.
»Themis«, sagte er. »Wir sind hier.«
»L1?« Das kam von Janus. »L1, öffne sofort die Türen.«
One nickte. »Selbstverständlich, Meister.«
Die Drucktüren entriegelten sich und verschwanden in den Wänden. In einer von ihnen stand eine schmale Gestalt mit einem pau'anischen Gehstab.
Themis konnte nicht glauben, was geschah. One hatte doch nicht… Er konnte doch nicht, nach all dieser Zeit…
Janus lief auf ihn zu, in der einen Hand den Stab, in der anderen Hand einen Blaster, den er auf Themis richtete. »L1, wo sind wir?«
Wie zur Antwort verschwanden die Deckplatten von den Fenstern und gaben den Blick auf den Weltraum frei. In einem der Fenster schwebte ein Schiff.
»Wir haben die Cloudrun erreicht«, sagte One.
»Die Cloudrun!« Janus kam vor Themis zum Stehen und drückte ihm den Lauf des Blasters gegen die Brust. »Ihr Wahnsinnigen seid zur Cloudrun geflogen«, flüsterte er. »Ihr habt uns alle umgebracht.«
Themis konnte sich nicht mehr rühren.
»Aber das war nicht Ihr größter Fehler, Leander«, raunte Janus und zeigte dabei seine spitzen Zähne. »Ihr größter Fehler war nicht die Cloudrun, nicht dieser Droide und nicht die lächerliche Illusion, Sie könnten ein König sein… Ihr größter Fehler war, dass Sie es gewagt haben, sich meiner Delfy auch nur zu nähern.«
»Fick dich«, sagte Themis.
Und Janus drückte ab.
Fortsetzung folgt ...
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