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Janus
Ben hatte Angst gehabt.
Aber nicht annähernd so viel wie Janus selbst.
Kaum hatte er die Sklavenquartiere verlassen und war auf den Korridor hinausgestolpert, drückte Janus sich gegen eine der Tunnelwände und atmete tief durch. Aus den Poren seiner geriffelten Haut trat stinkender Schweiß. Seine Augen tränten. Der Machtschild, den er verwendet hatte, um seine Anwesenheit aus den Gedanken der Sklaven zu löschen, war verschwunden.
Dieses Kind ist gefährlich, war sein erster klarer Gedanke. Er wusste, dass er handeln musste, dass er Ben verstehen und einzuschränken hatte… Aber er war zu schwach. Der Junge hatte ihn angegriffen, in der Macht, vermutlich sogar ohne es zu wollen.
Zwei halbnackte Twi'lek Sklavinnen tauchten im Tunnel auf und musterten Janus mit einem herablassenden Blick, als sie vorbeigingen.
Sie erkannten ihn nicht. Janus hätte sie erinnern können, wer der Oberste Lord war, doch ihm fehlte die Kraft. Wenn er die Macht heute noch einmal anwenden musste, dann konnte das sein Untergang sein.
Für Ben schienen diese Regeln nicht zu gelten. Janus hatte den Anhänger mit aller Kraft auf den Boden geworfen, ohne Ankündigung und auf kürzeste Distanz. Ben hatte ihn gefangen, als wäre nichts dabei gewesen.
Janus löste sich von der Wand und stützte sich schwer atmend auf seinen Stab. Großartig, dachte er. Ein 13jähriger Junge ohne Moralvorstellung ist vielleicht der beste Telekinetiker der verbliebenen Galaxis.
In der Ferne fiel ein Donnerschlag. Die Minengilde verwendete Sprengpacks, um in den Kern des Asteroiden vorzudringen. Vermutlich hofften sie auf einen der Schätze des alten Coruscant. Ob sie den gesamten Felsbrocken damit auseinander rissen, schien sie nicht zu interessieren.
Janus hätte nichts lieber getan, als diesen elenden Ort zu verlassen. Es war ihm schon zuwider gewesen, überhaupt herzukommen: Was nützt es, die Nummer Zwei im Königreich zu sein, hatte er sich gefragt, wenn man immer noch selbst in den Dreck greifen muss?
Aber er konnte hier nicht weg und er konnte auch niemand anderen beauftragen: Ben war seine Verantwortung.
Er musste diesen Jungen verstehen und durchleuchten, bis er wusste, wozu Ben fähig war. Solange Ben sein Leben im Dreck verbrachte und nicht auf die Idee kam, plötzlich jede noch erreichbare Welt der Galaxis besuchen zu wollen, war alles in Ordnung: Hier unten war niemand, der ihm gefährlich werden konnte. In der Dejarik-Arena hatte Ben seine Machtkräfte verheimlichen wollen, außerhalb dagegen konnte der Junge jedem den Kopf abreißen, der ihn bedrohte. Solange er dabei keine Überlebenden hinterließ, jedenfalls, denn sollten die Gardisten erfahren, dass es hier unten einen Midi gab, würden sie Ben töten.
Janus betrat einen der belebteren Haupttunnel. Auf dem Hinweg hatte er seine Anwesenheit verborgen, jetzt jedoch hafteten sämtliche Blicke auf ihm. Die meisten, die ihn sahen, beschleunigten ihren Schritt, einige drehten auf der Stelle um und verschwanden im nächstbesten Ausgang. Bald würde jeder wissen, dass der Oberste Lord hier war. Ein rodianisches Mädchen begann zu weinen und wurde von ihrer panischen Mutter in einen Seitengang gezerrt.
Janus fluchte innerlich. Er hätte einen Droiden mitnehmen sollen. Ein Droide hätte keine Skrupel gehabt, ein paar Mal in die Menge zu schießen, um Janus notfalls zu verteidigen. Die Erinnerungen an Ben hätte man aus dem Speicher löschen können. Noch dazu waren Droiden berechenbar, im wahrsten Sinne des Wortes, und nicht so verdorben wie der menschliche Abschaum, aus dem das halbe Königreich bestand.
Er wollte sich gerade nach einem Quartier für die Nacht umsehen, als eine Nautolanerin direkt auf ihn zukam. »Mein Herr, seid Ihr wohlmöglich Lord Janus?«, fragte sie und deutete eine Verbeugung an.
Janus ignorierte sie und ging weiter. Natürlich war er es. Er hätte sie darauf hinweisen können, dass er der letzte Überlebende seiner Spezies war und er den Nautolanern das gleiche Schicksal wünschte. Aber er war zu müde für diese Spielchen.
»Lord Janus? Bitte.«
Er stieß angewidert Luft aus und drehte sich zu ihr um. »Ich warne Sie«, begann er, ohne zu wissen, wie er den Satz beenden wollte.
»Entschuldigt, mein Lord.« Die Nautolanerin verbeugte sich erneut. »Ich bin Ikaia, ich wohne oben in der Stadt. Ich habe die Holo-Botschaft der Prinzessin gesehen und möchte helfen.«
Janus hoffte, dass sie ihm die Überraschung nicht ansah. Was für eine Botschaft der Prinzessin? Konnte er Delfy denn keine Minute aus den Augen lassen?
»Die Cloudrun«, sagte Ikaia, als Janus nicht antwortete. »Die Prinzessin sucht die Cloudrun und ich habe… Informationen.«
Ein pau'anischer Fluch kam ihm in den Sinn, aber die Blöße würde er sich vor niemandem geben. Bleibt auf dem Schiff, hatte er Delfy gesagt. Doch das hatte sie offenbar nicht davon abgehalten, Soldaten mit Holos loszuschicken, um ihren wahnwitzigen Cloudrun-Plan in die Tat umzusetzen. Hatte Siena Kali tatsächlich zugelassen, dass königliche Gardisten als Laufboten missbraucht wurden?
»Informationen«, wiederholte er leise.
»Ja, mein Lord.« Die Nautolanerin trat ängstlich einen Schritt näher. »Ich habe ein Holocron«, raunte sie. »Aus der alten Zeit. Aus Palpatines Imperium.« Sie sah sich um. Der Tunnel war inzwischen leer. Zögernd öffnete Ikaia eine schmutzige Essensration und holte tatsächlich ein Holocron hervor. »Ich wollte es nicht den Gardisten geben, aber Ihr, mein Lord, Ihr habt diese Zeit erlebt und Ihr wisst es zu nutzen, da bin ich sicher.«
Janus nahm das Holocron entgegen. Einen Herzschlag später begriff er, was die Frau gesagt hatte: Ihr habt diese Zeit erlebt.
Sie wusste es.
Sie wusste, dass er fast 900 Jahre alt war.
Aber wie konnte sie das erfahren haben? Nicht einmal Delfy oder Siena Kali ahnten davon. Der einzige Weg, sein Alter zu erkennen, wäre, seine Gedanken zu lesen, und das konnte nur...
Eine Midi. Die Nautolanerin ist eine Midi!
Ikaia hatte plötzlich ein kleines Gerät in der Hand. »Lang lebe der Piratenkönig«, zischte sie und als sie das Gerät betätigte, blitzte die Hülle des Holocrons bläulich auf. Ein lähmender Schmerz fuhr Janus durch alle Glieder. Er verlor jegliche Kraft und sank hilflos zu Boden. Sein Kopf schlug auf dem Durabeton des Tunnels auf.
»Rebellenabschaum«, keuchte er.
Ikaia beugte sich über ihn. »Wir sind keine Rebellen«, flüsterte sie und spuckte vor ihm auf den Boden. »Wir sind keine Piraten. Wir sind keine Verräter.« Sie hob einen Blaster und drückte ihn gegen seine Stirn. »Wir sind die Vermillion-Flotte.«
Zwei Hände packten sie von hinten, entrissen ihr die Waffe und zerrten sie auf die Beine.
Ein Gardist, erkannte Janus, und er war noch nie so froh gewesen, einen von Siena Kalis Untergebenen zu sehen.
»Leander lebt!«, brüllte Ikaia und versuchte vergeblich, sich aus dem Griff des Gardisten zu befreien. »Der Piratenkönig lebt!«
Janus nahm seinen Stab und stand langsam auf, den Schmerz in seinem Rücken ignorierend. »Nehmt sie fest«, befahl er und bemühte sich um eine gelassene Stimme. Das alles war schon erniedrigend genug. »Ich will wissen, was sie weiß.«
Zwei weitere Gardisten waren erschienen und salutierten. »Zu Befehl, Lord Janus.«
Drei Gardisten am gleichen Ort? Janus' anfängliche Erleichterung schlug in Verwunderung um. Jeder der drei war befugt, das Kommando über Dutzende Soldaten zu übernehmen. Trotzdem waren sie allein hier unten? Und hatten Janus zufällig gefunden?
»Mein Lord«, sagte der Gardist, »ich muss Euch fragen, wo Ihr gewesen seid.«
Janus glaubte, sich verhört zu haben. »Was?«, brachte er heraus. »Ich bin die Hand des Königs. Ich handle in seinem Auftrag und wer sind Sie, General, dass Sie es wagen können...«
Die zwei Gardisten hoben jeweils ihre rechte Hand. Mit einem Surren erwachten die Laserpacks, die um ihre Unterarme geschnallt waren, bereit, eine tödliche Energieladung auszuspucken.
Janus war vom einen Albtraum in den nächsten geraten. »Nehmen Sie die Waffen herunter«, befahl er und konnte die Angst nicht aus seiner Stimme vertreiben.
»Seht Ihr es jetzt?«, hörte er die Nautolanerin hinter sich spotten. »Seht Ihr, wie verdorben das Valueen Königreich wirklich ist, Janus?«
»Still«, zischte der Gardist, der sie festhielt. »Oder du bist die erste, die stirbt, Verräterin.«
»Kali«, dämmerte es Janus. »Siena Kali glaubt, sie kann sich gegen den König stellen?« Im nächsten Moment kam ihm ein noch schlimmerer Gedanke. »Was hat sie mit Delfy gemacht?«, fragte er mit zitternder Stimme. »Ich warne Sie, wenn der Prinzessin irgendetwas zustoßen sollte…!«
Die behandschuhte Faust des rechten Gardisten traf ihn ins Gesicht. »Wo wart Ihr?«, brüllte der Mann. »Was habt Ihr hier unten getan, Verräter?«
Janus wankte zurück und wäre fast erneut gestürzt.
Der Gardist, der ihn geschlagen hatte, schnellte auf ihn zu, das Laserpack erhoben…
Es blitzte. Blut sprudelte aus dem Hals des Gardisten. Die kopflose Leiche sank zu Boden.
Der zweite Gardist riss sein Laserpack hoch, ballte die rechte Hand zur Faust und feuerte einen Energieblitz ab. Der Schuss verfehlte Janus. Stattdessen traf eine zweite Lichtkugel den Schützen in den Bauch und brannte ein tellergroßes Loch hinein. Der Mann fiel tot in sich zusammen.
Janus drehte sich ungläubig um.
Die Nautolanerin lag auf dem Boden, regungslos aber offenbar nicht verletzt. Über ihr stand der dritte Gardist. Das Laserpack rauchte noch, als er seinen Arm senkte. An seiner Schulter war die Panzerung verschwunden und die blaue Uniform färbte sich zusehends blutrot. Der Mann ging auf die Knie.
»Was geht hier vor?«, fragte Janus atemlos.
»Verrat, mein Lord«, keuchte der Sterbende. »Lady Siena wollte… Dass Ihr bei einem Unfall sterbt. Es .. Tut mir Leid, dass ich… Euch nicht besser...«
Bei den Säulen. Die Kommandantin der Gardisten wollte die Hand des Königs werden! Vielleicht wusste sie sogar von Ben!
Janus beugte sich herab und packte den Mann, der ihn gerettet hatte, bei den Schultern. »Ist Delfy in Sicherheit?«
»Sie ist fort.« Der Gardist hatte nur noch Sekunden zu leben. »Sie weiß nichts von Kalis Verrat. Sie ist vor einer Stunde losgeflogen, mit der… Mit der Stargazer. Allein. Mein Lord, ich… Glaube, sie will… Zur Cloudrun...«
Der Mann sank zu Boden und blieb neben der Nautolanerin liegen. Einen Augenblick später war er tot.
Janus stand auf und stützte sich auf seinen Stab. Er zitterte am ganzen Körper.
Er hatte sich schrecklich verrechnet. Er hätte wissen müssen, dass Kali ihn eines Tages hintergehen würde. Und dass Delfy die Cloudrun suchen würde, sobald sie die Chance dazu hatte. Jetzt war er allein in einer Welt aus Schmutz und Verbrechen und er hatte keine Möglichkeit, Delfy zu warnen.
Er sah sich im Tunnel um.
Der Bereich, den er einsehen konnte, war inzwischen wie ausgestorben.
Was sollte er jetzt tun? Noch vor fünf Minuten war sein oberstes Ziel gewesen, in Bens Nähe zu bleiben, um die Bedrohung einzuschätzen, die Ben für das Königreich darstellte – und für den Jungen selbst. Doch der König musste von Kalis Verrat erfahren, ehe es zu spät war. Und Delfy schwebte in noch größerer Gefahr.
Janus schloss die Augen.
Ben. König Valueen. Oder Delfy.
Er konnte nicht alle drei schützen. Er musste sich für einen entscheiden.
Und das war keine wirkliche Wahl. Nicht mehr. Delfy war seine Schülerin, seine Verantwortung, seine große Hoffnung. Und wenn das gesamte Königreich um ihn herum zerbrach, Delfy musste leben.
Ikaia kam wieder zu sich und wollte aufstehen.
Janus zündete den Generator seines Gehstabes und richtete die gelbe Energieklinge auf den Kopf der Nautolanerin.
Sie erstarrte. »Ich kann euch helfen«, sagte sie, scheinbar flehend, aber er konnte nicht sagen, wie viel Angst sie wirklich hatte. »Ich kann die Gardisten spüren. In der Macht. Das ist meine Gabe. Und ich habe ein Schiff.«
Eine Seherin, verstand Janus. Seit die Macht sich verändert hatte, war ein Midi darauf angewiesen, sich eine einzelne Gabe zu erkämpfen – dem Monster ein einziges Geschenk abzuringen. Janus selbst konnte die Gedanken anderer manipulieren, Ben war ein Telekinetiker, Delfy hatte ihre unglaubliche Geschwindigkeit und Ikaias Talent schien die Macht-Wahrnehmung zu sein.
Nützlich, keine Frage. Und genauso gefährlich.
»Einige der Gardisten«, Ikaia stand langsam auf, »werden Seher sein. Wie ich. So haben sie Euch gefunden, Lord Janus, das wisst Ihr. Lasst mich leben. Ihr braucht mich.«
Sie hatte Recht. Jemanden töten zu können, hatte Avary ihm damals so oft gesagt, ist noch keine Macht. Macht ist, wenn man es sich auch leisten kann.
»Gut«, sagte er. »Die Jacke ausziehen.«
Sie tat wie geheißen.
Er musterte ihre Hose und ihr dünnes Oberteil. Keine versteckten Waffen und kein weiteres Holocron. Mit einem flauen Gefühl im Magen deaktivierte er die Energieklinge.
»Folgt mir«, sagte Ikaia.
Es war kein Vergnügen, einer Vermillion-Piratin durch ein Labyrinth aus Tunneln und Kammern zu folgen, ohne zu wissen, ob sie ihn wirklich zu einem Schiff führte. Die Tatsache, dass Ikaias Wahrnehmung seiner eigenen weit überlegen war, machte alles noch schlimmer.
Sein einziger Trost war, dass er langsam wieder an Kraft gewann. Sollte Ikaia sich gegen ihn wenden, er würde eine Angst in ihr erschaffen, die sie ihr Leben lang nicht vergessen würde.
»Gibt es ihn?«, fragte er, als sie eine Leiter hinaufkletterten. »Den Piratenkönig?«
Ikaia war über ihm und er konnte ihr Gesicht nicht sehen, als sie sagte: »Natürlich gibt es ihn. Themis Leander.«
Janus überprüfte, ob sein Stab noch immer fest an seinem Gürtel hing. »Wer immer dieser Mann ist«, sagte er, »er ist nicht der, für den Sie ihn halten.«
»Ach nein?«
»Avary Leander hatte keine Kinder.«
Die Nautolanerin erreichte das Ende der Treppe und kletterte durch eine Luke. Sie reichte Janus die Hand, aber er verzichtete darauf. Stattdessen machte er sich bereit, sie mit sich zu reißen, falls sie ihn herunterstoßen sollte. Aber sie tat nichts dergleichen.
»Kanntet Ihr Avary?«, fragte Ikaia. Einen Moment später veränderte sich ihr Gesichtsausdruck zu einem wissenden Lächeln. »Natürlich kanntet Ihr ihn. Ihr habt die Masseschattenkriege mitgemacht, nicht wahr?«
Janus fragte sich, ob sie erneut seine Gedanken gelesen hatte. Bestimmt hatte sie es versucht. Aber er bezweifelte, dass sie diesen Teil ihres Talents wirklich beherrschte. Sie hatte gespürt, dass sein Gehirn mehrere Jahrhunderte alt war, aber Erinnerungen tatsächlich zu lesen, das war eine sehr viel höhere Kunst.
Ikaia arbeitete von hier an nur noch mit Vermutungen. Damit er verunsichert war und einen Fehler machte.
»Ich kann Euch nicht mehr töten«, sagte sie plötzlich, während sie eine uralte Tür aufstemmte. »Ich bin keine Kriegerin. Das Holocron war mein einziger Schuss.«
»Nein«, sagte Janus. Seine Stimme hatte wieder ihren alten ruhigen Ton gefunden, trotz der Angst um sein und Delfys Leben. »Das Holocron war nicht Ihre beste Chance, mich zu töten. Ihre beste Chance wäre, sich genau jetzt selbst zu opfern und zu hoffen, dass Kalis Gardisten mich finden.« Er täuschte ein leises Lachen vor. »Aber so sind Sie nicht. Sie sind nicht bereit, für die Ziele der Piraten zu sterben. Deshalb führen Sie mich zu Ihrem Schiff, in der Hoffnung, dass ich Sie leben lasse.«
Ikaia ging schweigend weiter.
Plötzlich kam Janus ein Gedanke. Vielleicht ging es der Nautolanerin gar nicht darum, ihn zu töten. Nicht in erster Linie. Vielleicht war ihren Befehlen tatsächlich schon gedient, wenn Janus die Splitterwelten bloß verließ.
Und dann fielen die Teile des Puzzles an ihren Platz.
»Ben«, sagte er laut.
Ikaia zuckte zusammen und hielt an.
Janus lächelte. Jetzt hatte er sie. »Ich weiß von Avary«, sagte er. »Ich weiß, dass Avary Leander den Jungen hier versteckt hat. Und er hat Ihnen befohlen, Ben zu beschützen, nicht wahr?«
Die Nautolanerin starrte ihn an. »Nein«, sagte sie leise, aber die Lüge war schwach und leer.
»Genau das«, sagte Janus, »genau das ist Ihr Befehl. Sie sind hier, um seinen Sohn zu beschützen.«
»Also doch!«, entfuhr es Ikaia. »Ben ist Avarys Sohn! Und Ihr wusstet es und wolltet mir erzählen, Avary Leander hätte keine Kinder gehabt! Er hatte zwei, Themis und Ben. So ist es doch, oder?«
Janus musste sich zwingen, nicht zu lachen. Er hatte Ewigkeiten nicht mehr gelacht, aber das hier… Das hier war Glück im Unglück. Er musste die Dinge nur ein wenig verdrehen und verbiegen, dann konnte er diese Rebellin zu seinem Vorteil einsetzen.
»Geben Sie mir Ihr Schiff«, sagte er. »Dann lasse ich Sie leben. Sie haben Avary geschworen, dass Sie seinen Sohn beschützen. Jetzt schwören Sie mir das Gleiche. Ben Leander muss leben.«
»Lügner«, sagte die Nautolanerin, aber es war nicht zu überhören, dass sie völlig verunsichert war. Janus hatte die Situation umgedreht. »Ihr wollt Ben töten«, sagte sie zögernd. »So wie Ihr seinen Vater getötet habt. Das weiß ich.«
»Glauben Sie, was Sie wollen.« Janus bedeutete ihr, endlich weiterzugehen. Die Gardisten würden bald hier sein. »Wenn Sie mir Ihr Schiff geben, bin ich keine Gefahr mehr für den Jungen. Das war Ihr Plan. Und genau das werden Sie bekommen.«
Ikaia schloss für einen Moment die Augen. Dann berührte sie ein Kontrollpanel an der Wand hinter ihr. Eine große Drucktür öffnete sich. Dahinter lag das Cockpit eines Shuttles.
»Es ist nicht gesichert«, sagte Ikaia leise. »Es war nur versteckt.«
Janus nickte und trat ein. Er ließ sich auf dem Pilotensitz nieder. Den Stab klemmte er zwischen zwei Konsolen. Dann sah er wieder zu Ikaia. »Die Gardisten unten im Tunnel wollten herausfinden, wo ich gewesen bin. Ich war bei Ben. Sie werden ihn suchen und irgendwann werden sie ihn finden. Bringt ihn in Sicherheit.«
»Ja. Ich weiß, das… Werde ich tun.« Ikaia schien noch immer nicht glauben zu können, was geschah.
Es war eine dunkle Ironie, fand Janus, dass er einer Vermillion-Piratin Befehle erteilte, kurz nachdem seine eigenen Gardisten ihn verraten hatten. Eine verkehrte Welt.
»Ihr seid die rechte Hand eines Monsters«, sagte Ikaia und starrte ihn durch die Tür des Cockpits hindurch an. »Wie könnt Ihr wollen, dass der Sohn von Avary Leander überlebt? Der Sohn des größten Feindes, den… Den König Valueen jemals gehabt hat!«
»Ja...«, sagte Janus und suchte den Knopf für die Drucktür, »Wie kann ich das wollen?«
Er fand den Knopf und die Tür schloss sich.
Seine Freude über die Einfachheit, mit der er zwei Probleme gleichzeitig gelöst hatte, war wieder vergessen. Delfy drohte tödliche Gefahr, durch Siena Kali, die Vermillion-Piraten und vielleicht sogar die Cloudrun, und Janus musste sie retten.
Er feuerte er den Antrieb des Shuttles hoch und startete eine Sensorabfrage.
Drei der königlichen Schlachtschiffe, mit denen sie am Morgen ins System gesprungen waren, hielten ihre Position im Zentrum der Asteroidenwelten. Das vierte Schiff, die Stargazer, war weiter draußen, noch hinter der Umlaufbahn des äußersten Planeten. Delfy schien auf etwas zu warten. Hatte sie von Lady Sienas Verrat erfahren?
Nein. Dann wäre sie ihm schon längst zur Hilfe geeilt. Delfy war der mutigste Mensch, den er kannte. Die Tatsache, dass sie die Crew der Stargazer von Bord geschickt hatte, wie der Gardist erzählt hatte, würde sie nicht daran hindern, es mit Kalis drei Schiffen aufzunehmen. Nicht, wenn das Leben ihres Meisters auf dem Spiel stand und sie davon wusste.
Janus programmierte einen Kurs in Richtung der Stargazer. Delfy ahnte nichts, daran hatte er keine Zweifel, und er musste sie erreichen, ehe Kali ihr gefährlich werden konnte.
Doch die andere Frage blieb: Worauf wartete Delfy?
Janus vertrieb seine Zweifel. Die Suche nach der Cloudrun war ein wahnwitziges Unterfangen und er würde es ihr ausreden müssen. Doch all das änderte nichts daran, dass er Delfy vertrauen konnte. Ikaia hatte Recht gehabt, die Lords und Ladys des Zwölferrats waren unberechenbare Rivalen, und nur der eiserne Griff von Janus und dem König hatten sie bisher zusammenhalten können. Aber Delfy war besser als sie. Janus selbst hatte sie ausgebildet, besser zu sein. Und in 900 Jahren hatte er keine Schülerin gehabt, die es mit Delfy hätte aufnehmen können.
Jenseits des Fensters, vor dem Hintergrund der Asteroiden, schwebte sein Spiegelbild wie ein alterndes Gespenst. Aus trüben Augen blickte es ihn an, die schwarzen Pupillen umrandet von rötlicher Haut. »Ist das Farbe?«, hatte die siebenjährige Delfy einmal gefragt, kaum dass sie keine Angst mehr vor ihm gehabt hatte. »Nein«, hatte Janus gesagt. »Das gehört so.« Am nächsten Tag hatte er ihr ein Übungslichtschwert in die Hand gedrückt und erklärt, offenbar müsse er das Tempo ein wenig anziehen.
Zwei Jahre später hatte Delfy die Geste erwidert und ihm strahlend eine von diesen neuartigen Blasterlanzen gereicht. Das war auch der Tag gewesen, an dem er am eigenen Leib erfahren hatte, dass Delfy inzwischen schneller war als er. Bei den Säulen, wie lange war all das her?
Das Gespenst grinste matt und mit seinen spitzen, langen Zähnen sah es dabei aus, wie ein altersschwaches Raubtier.
Er kam in Funkreichweite. Nach einigen Fehlversuchen gelang es ihm, mit dem fremdartigen Sender des Shuttles einen Kanal zu öffnen. Die Stargazer antwortete nicht.
Sein Puls beschleunigte sich mit jeder stillen Sekunde, die verging. War Delfy doch etwas zugestoßen? War sie überhaupt noch an Bord?
Eine halbe Stunde später befand er sich im direkten Anflug. Er landete das Shuttle in einem kleinen Nebenhangar, nicht unweit des Aufbaus der Kommandobrücke, dann suchte er sich seinen Weg durch die schwach erleuchteten Korridore des Schiffes.
Es gab keine Crew, ganz wie der Gardist gesagt hatte. Janus fragte sich, was der Grund dafür sein mochte. Hatte Delfy geahnt, dass auf Kalis Gardisten kein Verlass mehr war? Oder hatte es mit der Cloudrun zu tun, mit der Suche nach diesem elenden Schiff?
Er fand Delfy in einem der Fenstergänge in der Nähe der Brücke und atmete erleichtert auf.
Delfy erschrak, als sie ihn bemerkte. »Janus?«
Er lächelte. Delfy war gut geworden. Aber noch nicht so gut, dass sich ihr alter Meister nicht mehr anschleichen konnte. »Prinzessin Delfy«, sagte er und deutete die Verbeugung an, die ihr nun einmal zustand. »Ich war in Sorge.«
Delfy hatte sich schnell von der anfänglichen Überraschung erholt. »Es war nicht nötig, mir zu folgen«, sagte sie. »Ich bin Euch nicht nachgeschlichen, bei Euren… Geheimnisvollen Geschäften unten auf den Asteroiden.«
»Ich habe geschworen, Eure Familie zu beschützen.« Er trat neben sie ans Fenster und wusste nicht, womit er beginnen sollte. Mit Kalis Verrat? Oder mit der Cloudrun?
»Auf wen wartet Ihr?«, fragte er schließlich.
Wie zur Antwort ging ein Ruck durch das Schiff. Hinter den Fenstern blitzte das Mündungsfeuer entfernter Raumgeschütze auf und mehrere Entladungen trafen wie Hammerschläge auf die Decks über ihnen.
Janus schloss die Augen. »Ihr habt die Piraten angelockt.«
Ein Raumjäger schoss draußen an ihnen vorbei.
Sie mussten hier weg.
»Ich habe das… Unter Kontrolle.« Delfy wandte ihren Blick ab und verfolgte das sich nähernde Raumschiff.
»Rache«, sagte Janus »Ihr wollt Euch an denen rächen. Für damals.«
»Für den Zwischenfall? Vielleicht, ja.« Delfy sah ihn nicht an. »Vielleicht will ich diese ganze Sache auch einfach nur beenden.«
»Ich verstehe nicht, Prinzessin.«
»Themis Leander. Der Piratenkönig. Ich lass' mich von denen entführen, finde ihn, töte ihn… Ende der Geschichte.«
»Die Dinge sind nicht so einfach, wie sie scheinen. Wenn ich eines gelernt habe, Prinzessin, in all meinen Jahrhunderten hier… Alles ist. Sehr. Sehr. Kompliziert. Es gibt so viele Kräfte, so viele Variablen in so vielen Gleichungen. Ihr seid mutig und ich weiß, ihr würdet alles tun, um Euer Volk zu schützen. Aber wir wissen nicht, was passiert.«
»Wenn ich ihn töte?«
»Wenn Ihr Euch entführen lasst. Wir wissen nicht einmal, ob es diesen Piratenkönig wirklich gibt.« Zugegeben, Ikaia war sich dessen durchaus sicher gewesen. Aber was bedeutete das schon?
Eine Explosion erklang, ein oder zwei Decks unter ihnen. Die Piraten waren an Bord gekommen und sie durchsuchten das Schiff.
»Versteckt Euch«, sagte Delfy. »Ich weiß, was ich tue.«
Janus zögerte. Vielleicht konnten sie die Piraten abwehren, wenn sie Seite an Seite kämpften und die Dunkelheit zu ihrem Vorteil nutzen, und notfalls die Macht… Aber Delfy hatte sich entschieden. Damit blieb ihm nun keine Wahl, als ihren Plan mitzuspielen.
»Und Ihr meint nicht«, dachte er laut, »dass die Piraten auch den Obersten Lord als Gefangenen akzeptieren würden?«
Delfy lächelte schief. »Danke, aber… Nein.«
Janus verbeugte sich knapp, dann ging er los, um sich ein Versteck zu suchen. Nach einigen Augenblicken blieb er stehen. Delfy brauchte vielleicht Hilfe, ganz gleich wie zuversichtlich sie war, und er würde sie nicht allein kämpfen lassen.
Er drehte um und bog in den Gang ein, in den Delfy gegangen sein musste. Aus einiger Entfernung drangen Schritte zu ihm durch, zu leicht und elegant für die von Piraten. Er war auf der richtigen Spur. Janus passierte einige Computerterminals und fand sich am Rande eines größeren Raumes wieder.
Delfy wartete in der Mitte. Sie stand seelenruhig da, selbst ihr Gesicht war eine unbewegte Maske.
Meine Ausbildung, dachte Janus mit leichtem Stolz und schlich hinter einen Stapel mit Kisten, für den Fall, dass seine Ausbildung allein Delfy diesmal nicht retten würde.
Aus einem der Gänge trat ein Mann, flankiert von zwei weiteren Gestalten in den rotbraunen Gewändern der Vermillion-Piraten.
Avary. Janus schloss einen Herzschlag lang die Augen. Der junge Pirat, der nun vor Delfy zum Stehen kam, war ohne Zweifel ein Sohn von Avary Leander, ganz gleich, wie oft Janus gegenüber den Lords schon beteuert hatte, es gäbe keine Nachfahren.
»Was haben Sie mit Ihrer Ladung gemacht?«, fragte Avarys Sohn. »Und wo ist Ihre Crew?«
Janus stand kurz davor, einzugreifen, aber er hielt sich zurück. Vertrau ihr, sagte er sich. Und vertrau dir selbst, alter Mann. Du hast sie ausgebildet.
»Es gibt keine Ladung«, sagte Delfy gerade. »Und auch keine Crew.«
Der Mann blinzelte. »Was?«
»Ich bin hier, weil ich Themis Leander sprechen möchte«, erklärte Delfy. »Den Piratenkönig.«
»Sie lassen sich absichtlich entern, um... Mit einer Märchenfigur zu reden?«
Janus verstand nicht, was geschah. Der Mann war ganz offensichtlich Themis Leander selbst, auch wenn Delfy das nicht wusste. Dann wiederum war es kaum vorstellbar, dass Leander die Prinzessin des Valueen Königreichs nicht erkannte.
Das alles gefiel Janus mit jedem Moment weniger.
»Sieht so aus«, sagte Delfy. »Wie kann ich diese Märchenfigur sprechen?«
»Ein gefüllter Frachtraum wäre ein Anfang gewesen. Keine Ladung, kein Piratenkönig.« Themis Leander zuckte mit den Schultern und wandte sich zum Gehen.
Plötzlich lachte Delfy. Janus glaubte zuerst, er hätte sich getäuscht, aber es gab keinen Zweifel. »War das alles Show?«, fragte sie. »Die Raumjäger, das Entern, hast du das alles gemacht, um mich zu beeindrucken?«
Janus stockte der Atem. Nein. Nein, das ist nicht wahr.
Leander, der schon halb gegangen war, drehte sich um, ein breites Grinsen auf dem Gesicht. »Schön, dich wiederzusehen, Delfy.«
Es war alles nur gespielt!
»Und du bist jetzt eine Märchenfigur, Themis? Ich bin eine Weile weg und schon wirst du größenwahnsinnig.« Sie lachte wieder, dann griff sie an ihren Gürtel und holte ein Holocron hervor. Vorsichtig legte sie es auf den Boden.
Leander hob fragend die Augenbrauen, aber Delfy schüttelte beiläufig den Kopf, »Nur etwas, das ich loswerden muss«, sagte sie.
Delfy Valueen und Themis Leander verließen den Raum, gefolgt von den zwei Leibwächtern.
Das passiert nicht. Das ist nicht wirklich.
Janus dagegen stand einfach nur da und fühlte, wie die Welt um ihn herum zerbrach. Nicht Delfy. Das ist ein Trick. Sie würde mich niemals, sie… Sie würde das niemals tun.
Janus schleuderte seinen Stab in eine der Konsolen.
Der Bildschirm zerplatzte und sprühte Funken.
»Nein«, zischte Janus, »Nein, das tut sie nicht.« Unwillkürlich bohrte er die spitzen Fingernägel seiner rechten Hand in das graue Fleisch seines Arms. Er sah ruckartig nach allen Seiten, wie ein gehetztes Tier, hob den Stab wieder auf, machte einen Satz auf die Konsole zu und schlug auf sie ein.
Delfy hatte ihn verraten. Nach all den Jahren. Und jetzt machte sie gemeinsame Sache mit einem Mann, den es nicht einmal geben dürfte.
Janus schlug noch ein letztes Mal zu, dann sank er zusammen.
Sie hatten ihn alle verraten.
Zuerst die Macht. Dann Siena Kali. Und jetzt auch noch Delfy.
Er ging zu dem Holocron, das Delfy zurückgelassen hatte und bereitete sich darauf vor, eine Reihe von Rechtfertigungen zu hören. Ein paar verblendete Gedanken. Vielleicht eine tränenreiche Entschuldigung, als ob das nun noch etwas ändern würde.
Aber Delfys Holocron enthielt keine Nachricht, ebenso wenig wie das der Nautolanerin eine enthalten hatte.
Das Licht an der Spitze der kleinen Pyramide begann zu pulsieren.
Zuerst langsam.
Dann immer schneller.
Und schneller.
Janus wusste, dass er um sein Leben laufen musste. Zum Shuttle. Doch stattdessen sank er zu Boden. Er drückte das Holocron an sich.
Und er schloss die Augen.
Fortsetzung folgt...
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